Diakonie

 

Das Projekt "Elternzeit auf Probe"

Die Fachstelle für Sexualpädagogik bietet ein Elternpraktikum für Schülerinnen und Schüler an

Die Zahl der minderjährigen Schwangerschaften steigt an. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Dazu gehört unter anderem die Tatsache, dass die Pubertät früher einsetzt oder dass feste Beziehungen, die Sexualkontakte einschließen, früher eingegangen werden als noch vor 10 Jahren.

Bei manchen Jugendlichen führt die Perspektivlosigkeit in Bezug auf ihr Berufsleben zu dem Wunsch, sich über das Kind ein Lebensziel zu schaffen. Welche Verpflichtungen damit eingegangen werden, entzieht sich dabei oft ihren Erfahrungen oder wird ausgeblendet. Eine Teenagerschwangerschaft ist jedoch längst nicht so „easy“, wie es in manchen Medien dargestellt wird. Wenn eine frühe Mutterschaft/ Elternschaft gelingen soll, erfordern Schwangerschaft, Geburt und die Begleitung in den ersten Jahren einen erheblichen Betreuungsaufwand. Dies zeigen die Erfahrungen unserer Schwangerschaftsberatungsstelle bei der Begleitung von minderjährigen Schwangeren.

Um Jugendlichen die Dimension der Verantwortung bei einem Kinderwunsch nahe zu bringen, hat die Fachstelle für Sexualpädagogik ihr Konzept erweitert. Neben der Aufklärung über körperliche Entwicklung, der Information über Verhütungsmittel und der Vermittlung von kommunikativer Kompetenz in Bezug auf sexuelle und Beziehungsfragen, wird nun auch der Aspekt „Familiengründung“ einbezogen. Dazu gehören die Fragen: Wie stelle ich mir ein Familienleben vor, mit wie vielen Kindern? Wann möchte ich idealer Weise ein Kind haben? Was braucht ein Baby, um gesund und zufrieden aufwachsen zu können?

Zum Thema „Familiengründung“ gehört das Projekt „Elternzeit“. Hier kommen programmierbare Puppen zum Einsatz, die den Tagesablauf eines drei Monate alten Babys simulieren können. Vier Tage, das heißt auch vier Nächte, betreuen die Jungen oder Mädchen das Computerkind, müssen es wickeln, füttern oder auch nur im Arm wiegen, wenn es schreit. Abgegeben werden können die Computerkinder während dieser Zeit nur in Ausnahmefällen, denn ein spezielles Band am Arm der „Praktikanten“ ermöglicht die Identifikation bei den Puppen. Sie reagieren nur, wenn der Armbandträger oder die Trägerin sie versorgt.

Zur Durchführung des Elternpraktikums ist die Zustimmung von Eltern und Schule notwendig. Das Computerbaby meldet sich in der Nacht genau so, wie es ein echtes Baby tun würde, und manchmal muss man es 20 Minuten im Arm wiegen, bis es sich beruhigt. Manche Mütter mögen bei dieser Vorstellung die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sind sie doch froh, ihre Kinder „aus dem Gröbsten raus“ zu haben, und manche Lehrer werden zu Recht um die Aufmerksamkeit der Probeeltern fürchten, wenn sie eine Nacht durchwacht haben. Sicherlich aber ist der Gewinn aus den Erfahrungen langfristig größer einzuschätzen als – im Höchstfall – drei schlafarme Nächte.

Innerhalb des Elternpraktikums von 6 Doppelstunden wird mit den Schülern das Thema Familiengründung erarbeitet. Unter den Überschriften

werden ganz unterschiedliche Themen angesprochen, so z.B. die Veränderungen der Bedingungen für die Familiengründung, das Körpergeschehen bei Mutter und Kind während der Schwangerschaft, die Höhe der Kosten einer Erstausstattung für Neugeborene...

Emotionale Themen kommen dabei nicht zu kurz:

Welche idealen Vorstellungen haben die Schüler von Familie, welche Bedingungen müssen nach ihrer Einschätzung erfüllt sein, bevor sie ein Kind planen. Was ist ihrer Meinung nach das richtige Alter zum Kinderkriegen, was würden die Eltern sagen, wenn ihre Tochter jetzt schwanger würde...

Wenn Sie Interesse an diesem Projekt haben, es an Ihrer Schule oder im Konfirmandenunterricht durchführen wollen, wenden Sie sich bitte an

Sigrid Vollstedt, Telefon: (0228) 22 72 24 25 oder E-Mail: sigrid.vollstedt@dw-bonn.de .

Erfahrungsberichte:

Leonie (13 Jahre)

... am Samstagabend sind Freunde meiner Eltern gekommen, die haben das Baby alle mal im Arm gehalten. Es gab an diesem Abend Racclette, ich habe aber nur ein Pfännchen essen können, weil das Baby andauernd geschrieen hat. Alle haben mir geholfen, dann ist es eingeschlafen, hat mich aber in der Nacht noch zwei mal aufgeweckt. Am nächsten Tag habe ich den Englisch-Vokabeltext versiebt.

Lena (13 Jahre)

Am Montag habe ich meiner Lehrerin von dem Babywochenende erzählt.. „Nie will ich ein Kind haben“, habe ich gesagt,“ wenigstens nicht in den nächsten zehn Jahren.“

Patrizia (13 Jahre)

Ich bin mit meinem Freund und der Puppe im Arm durch das Dorf gegangen. Die haben vielleicht geguckt. Von weitem sieht das ja auch täuschend echt aus.

Lena (13 Jahre)

Es hat schon ziemlich genervt aber irgendwie habe ich es auch ein bisschen lieb gewonnen

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